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Mittwoch, 7. September 2011

Rave On: Buddy Holly zum 75.

© GettyImages

Heute wäre Buddy Holly 75 Jahre alt geworden - wäre er nicht bereits 1959, im Alter von nur 22 Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Bis dahin hatte er aber bereits über 10 Singles, darunter That'll Be The Day, Nummer 1 in England und den USA, veröffentlicht. Und während in den Staaten sein früher Ruhm ganz langsam zu erlahmen schien, war er in England umso beliebter. So war er der erste US-amerikanische Popmusiker, der den großen Teich überquerte, um durch England zu touren. Keith Richards und die Beatles zählten zu seinen Fans und Buddy Holly wurde gleich in mehrfacher Hinsicht zum Vorbild vieler Musiker in den 60er Jahren in England.

Was Buddy Holly so wichtig machte war seine Unabhängigkeit, die er sowohl kommerziell als auch künstlerisch zu leben versuchte. Er war der erste Musiker, der seine Songs selbst schrieb und seine Platten selbst produzierte. Er befreite sich nicht nur vom Diktat der Musikverlage und Produzenten, sondern er versuchte durch seine gelegentliche Zusammenarbeit mit schwarzen Musikern und der Integration schwarzer Musikelemente (wie etwa Gospel) in seine Musik, die in den USA auch in der Musikindustrie herrschenden Rassenschranken aufzubrechen. Das machte manchen in den Staaten Angst, brachte Buddy Holly - vor allem in England - durchaus aber auch Anerkennung.

So ist es nicht nur seine Musik, die die Popmusik in den folgenden Jahrzehnten beeinflusste. Buddy Holly war der erste im Showgeschäft, der mit einer Brille auftrat (was Elton John angeblich zu seinem Brillenfetisch führte), die Hollies und die Beatles benannten sich nach Buddy Holly (& The Crickets!), ein sehr junger Bob Dylan war Holly-Fan (und sah eines seiner letzten Konzerte), und einen Bobby Vee oder auch die Everly Brothers, wären ohne Holly sicher nicht denkbar gewesen.

Buddy Hollys Todestag ging als "day, the music died" in die Musikgeschichte ein - ein Begriff, den Don McLean 1971 in seinem Song American Pie prägte, und in dem er seine Gefühle schilderte, als er von Hollys Tod erfuhr. Für Don McLean ein Tag, dessen Echo durch die gesamten 60er Jahre widerhallte und irgendwo beim Altamont Festival 1969 bitter verklang. (Eine Reflexion über American Pie stellt übrigens Roberta Flacks Killing Me Softly With His Song dar.)

Natürlich wurde auch Hollys Musik gecovert bis sich die Schallplatten bogen. Allen voran natürlich das unsägliche Peggy Sue. Das ist, wie viele andere Songs, dermaßen durch alle Industriekanäle gequetscht worden, dass man das heute nur noch schwer ertragen kann. Selbst Coverversionen leiden nicht selten unter dieser Verwertungsmaschinerie. In diesem Jahr erschien allerdings eine Compilation, Rave On Buddy Holly!, die durchaus hörenswert ist und sogar einige Überraschungen bereit hält. Z.B. Lou Reeds krachige Version von Peggy Sue oder das völlig umarrangierte That'll Be The Day von Modest Mouse. Aber auch Paul McCartney, dem im Übrigen die Rechte an Buddy Hollys Songkatalog gehören, überrascht mit seinem bluesigen It's So Easy! Großartig!
Glücklicherweise ist die Musik vor 52 Jahren dann doch nicht wirklich gestorben!

Das Tracklisting:
1. "Dearest" - The Black Keys
2. "Every Day" - Fiona Apple & Jon Brion
3. "It's So Easy" - Paul McCartney
4. "Not Fade Away - Florence + The Machine"
5. "(You're So Square) Baby, I Don't Care" - Cee Lo Green
6. "Crying, Waiting, Hoping" - Karen Elson
7. "Rave On" - Julian Casablancas
8. "I'm Gonna Love You Too" - Jenny O.
9. "Maybe Baby" - Justin Townes Earle
10. "Oh Boy" - She & Him (2:18)
11. "Changing All Those Changes" - Nick Lowe
12. "Words Of Love" - Patti Smith
13. "True Love Ways" - My Morning Jacket
14. "That'll Be The Day" - Modest Mouse
15. "Well...All Right" - Kid Rock
16. "Heartbeat" -The Detroit Cobras
17. "Peggy Sue" - Lou Reed
18. "Peggy Sue Got Married" - John Doe
19. "Raining In My Heart" - Graham Nash
Das komplette Album kann man unter http://stream.raveonbuddyholly.com vorhören.

Lou Reed: Peggy Sue | Rave on Buddy Holly bei amazon | Rave On Buddy Holly

Dienstag, 6. September 2011

Loutallica, die Geburt eines Monsters?

Foto Anton Corbijn


Rentnerbands sind in Postrockzeiten auch nicht mehr das, was sie mal waren. Und nicht nur wir, die Musikliebhaber, müssen mit dem Erbe des Rock'n'Roll versuchen, klar zu kommen - das müssen auch die Musikanten. Und die können gar nicht einfach so in Rente gehen, sondern müssen sich immer wieder aufs Neue beweisen, besonders dann, wenn der Musiker sich in erster Linie als "Künstler" erlebt.

So jemand ist Lou Reed seit einigen Jahren. Einiges Unsägliches hat er unter die Fans gestreut und damit manch tapferen Weggefährten des Gruseln gelehrt. Düsteres unausgegorenes wie The Raven zum Beispiel oder das zwielichtige Hudson River Wind Meditations sind bitteres Zeugnis dafür.

Natürlich ist es schön, wenn Musikanten tun können, was immer sie wollen, und niemand sie antreibt, außer der Ehrgeiz vielleicht. Aber man sollte dabei seine Lockerheit niemals vergessen. Lou Reed neigt dazu, alles sehr Ernst zu nehmen. Ich habe mit ihm abgeschlossen, als er uns Fans in einem Konzert vor 20 Jahren darauf hinwies, doch bitte etwas leiser zu klatschen und erst dann, wenn die Songs wirklich vorüber sind etc etc. Schlecht gelaunt war er auch auf früheren Konzerten immer schon gewesen aber diese Dreistigkeit war der Höhepunkt an Ignoranz und Selbstüberschätzung. Und das wars für Lou Reed und mich.

Nun kommt also das nächste "künstlerische Projekt" und das könnte einiges versprechen, was aber alleine der Tatsache geschuldet ist, dass Lou Reed sich hierfür Metallica ausgesucht hat! Diese Konstellation birgt Potential - das Problem dabei ist, dass sich die beiden an Frank Wedekinds Lulu, bzw. Die Büchse der Pandora versuchen wollen - und das klingt dann schon wieder nach einer unausgegorenen Monstergeburt. Wir müssen wohl abwarten; das Album ist jedenfalls soweit fertig und erscheint Ende Oktober. Ein Journalist, der schon mal reinhören durfte, bezeichnete es als eine Mischung aus Lou Reeds Berlin und Metallicas Master Of Puppets - die Geburt eines Monsters? In jedem Fall die Geburt von Loutallica.

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Samstag, 14. Mai 2011

Radical Jewish Culture: eine Ausstellung in Berlin

2562 - Fever
Radical Jewish Culture

Zur Zeit findet im Jüdischen Museum in Berlin eine Ausstellung über die sogenannte Radical Jewish Culture statt, eine Bewegung verschiedener New Yorker Musiker jüdischer Abstammung, die sich Ende der 80er-Jahre in Downtown Manhattan formierte und ihre Wurzeln im Knitting Factory hatte, dem legendären Club in der Houston Street in Manhattan, spezialisiert auf experimentelle Musik, Jazz und Avantgarde.
Es brauchte allerdings ein Festival in München, bei dem von John Zorn kuratiert, Musiker wie Marc Ribot, David Krakauer aber auch Lou Reed auftraten (Zorn selbst führte seinen Zyklus Kristallnacht hier zum ersten Mal auf) und dabei erstmals eine Art jüdisches Gemeinschaftgefühl aufkam. Dies manifestierte sich in einer Schrift, in der John Zorn und Marc Ribot erstmals über eine Radical Jewish Culture nachdachten.

Wichtig dabei ist, das es sich hier um keinen religiösen oder stilistischen Rahmen handelt, sondern dass es alleine um die Herkunft der Musiker geht. Musikalisch ist dagegen alles erlaubt. Ganz im Sinne von John Zorn selbst, der sich mit allen nur denkbaren Musikrichtungen auseinandergesetz hat. Von Jazz, über Metal und Hardcore bis hin zu Neuer Musik und Klassik - eindrucksvoll unter Beweis gestellt mit seinen Projekten Naked City, Painkiller oder Masada.

1995 gründete Zorn das Label Tzadik und erklärte diese Herangehensweise an Musik zur Labelpolitik. Seitdem sind dort erfolgreich weit über 100 CDs erschienen.

Dieser Geschichte widmet sich nun diese Ausstellung. Sie präsentiert neben Exponaten, wie man sie erwarten kann (z.B. Schallplatten- oder CD-Cover) auch Schriften und viel Historisches über das Judentum in New York. Auf den Wänden finden sich zudem großflächige Texte, in denen die wichtigsten Musiker der Szene portraitiert werden und an unzähligen Monitoren kann man sich per Kopfhörer in Interviews einklinken. Einige Ausschnitte daraus konnte man in letzter Zeit bereits im TV begutachten, doch hier kann man sich nun in die verschiedenen Themen so richtig vertiefen. John Zorn, Marc Ribot, Elliott Sharp, Frank London, David Krakauer, Shelley Hirsch (und noch wer) erweisen sich als kompetente Gesprächspartner.

Das Herz der Ausstellung stellen aber vier Vorführräume dar, in denen in Dauerschleife Filme, wie z.B. ein Masada-Konzert aus dem Jahr 1994, laufen. Auch John Zorns Aufführung von Kristallnacht 1992 in München ist zu sehen, sowie eine ganze Reihe anderer musikalischer Beispiele der Szene.

Ich bin an einem ruhigen Donnerstagvormittag dort gewesen und habe ca 2 Stunden gebraucht. Dann war ich durch. Dabei habe ich mir aber nicht alle Filme in voller Länge angeschaut. Man könnte sich also bestimmt auch 3 Stunden dort aufhalten.
Der Eintritt beträgt 4 EUR. Das begleitende JMB-Journal mit viel Hintergrundmaterial kostet 2,50 EUR.

Doch was wäre eine Ausstellung über Musik ohne ein musikalisches Begleitprogramm? Genau! Deswegen gibt es auch einiges an Musik drumherum. Z.B. ein bestimmt sehr interessanter Auftritt des Klezmer-Hip-Hoppers Socalled und eine Konzert mit Uri Caine, Tim Sparks und Greg Cohen.

Radical Jewish Culture (JMB) | Das JMB-Journal online lesen | Tzadik | Tagesschau Beitrag zur Ausstellung