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Freitag, 9. September 2011

Ausgegraben: Jim Capaldi - Dear Mr. Fantasy

Dear Mr. Fantasy? Ist das nicht von Traffic? Und war das nicht Steve Winwood? Ja, natürlich, aber nicht nur. Jim Capaldi war Co-autor einer ganzen Reihe von Traffic-Songs und gleichzeitig der Schlagzeuger der Band. Und wie das mit Schlagzeugern so ist, war man später ganz überrascht, das dieser auch singen konnte, als Capaldi nach dem Ende Traffics begann, Soloalben zu produzieren.

Doch Capaldi hatte auch vor Traffic musiziert. The Hellions war seine erste Band 1964. Später umbenannt in Revolution und Deep Feeling. Damals lernte er Dave Mason kennen und über diesen Steve Winwood und die Geschichte von Traffic konnte beginnen: Dear Mr. Fantasy, John Barleycorn Must Die, Dealer, 40,000 Headmen - an vielen Songs war Jim Capaldi beteiligt, ohne dass er größer in den Vordergrund trat. Traffic hatte schon genug Probleme damit, mit Steve Winwood und Dave Mason zwei musikalische Köpfe zu verkraften. Da war für einen dritten Ideengeber kein Platz. Sein erstes Soloalbum, Oh How We Danced, 1972 in einer Traffic-Pause eingespielt, wurde in den Muscle Shoals Studios in Alabama aufgenommen und schlug eine Brücke zwischen britischem Rock und Blues und US-Rhythm & Blues. Paul Kossoff als Gitarrist war auch dabei. Die Kritiken fandes es gut, die Fans eher nicht. 

Und während Capaldi bis 2001 regelmäßig Soloalben veröffentlichte, veredelte er als renommierter Schlagzeuger auch den Sound vieler anderer Musiker. So spielte er mit Eric Clapton oder Carlos Santana, arbeitete aber auch immer wieder mit Steve Winwood zusammen und war natürlich bei diversen Traffic-Reunions beteiligt. Für sein letztes Album, das vor 10 Jahren bei dem deutschen Label SPV erschienen war, konnte er Musiker wie George Harrison, Steve Winwood, Paul Weller, Gary Moore und Ian Paice verpflichten.

Er war gerade mal 60 als er 2005 an Magenkrebs starb. Jetzt endlich erscheint mit Dear Mr. Fantasy - The Jim Capaldi Story eine angemessene Restrospektive seines Werks auf 4CDs, die den 40-jährigen Bogen komplett von The Hellions bis zum Traffic-Reunionkonzert anlässlich der Einführung in die Rock'n'Roll-Hall-Of-Fame im Jahr 2004 schlägt. Für Fans ist sicher die 4. CD die interessanteste, da sie vor allem unveröffentlichtes Material enthält - u.a. den Song Love’s Got a Hold of Me mit George Harrison gemeinsam eingespielt; mein Highlight auf dieser CD ist aber seine Liveversion von Love Will Keep Us Alive, ein Song der von den Eagles für deren Hell Freezes Over-Album 1994 Verwendung fand.

Sonntag, 21. August 2011

Paul Kossoff und die Stille zwischen den Tönen


Kürzlich habe ich den Film It Might Get Loud gesehen. In dem treffen sich drei Gitarristen, um gemeinsam übers Gitarrenspielen zu sinnieren; in einer Mischung aus Konzerthalle und Wohnzimmer, in einer merkwürdig sterilen, total prätentiösen Atmosphäre, offenbar fürs Kino produziert. Dabei erwischte ich mich bei der Frage nach meinem Lieblingsgitarristen - eine Frage, die mir komischerweise noch nie im Leben jemand gestellt hat - und fragte ich mich, ob dieser in solch einem Film mitgewirkt hätte, und ob er heute überhaupt noch musizieren würde; denn wäre er nicht schon in den 70ern gestorben, würde es ihm bestimmt nicht sonderlich gut gehen. Vielleicht würde er aber trotzdem noch immer so geniale Soli raushauen, wie zu seinen Lebzeiten. Wer weiß.

Ich konnte also noch nie Paul Kossoff! antworten. Völlig absurd eigentlich. Paul Kossoff, unvergessen und verehrt (von mir), Gitarrist der legendären Band Free und laut Rolling Stone auf Platz 51 der besten Gitarristen aller Zeiten.
Schon bei Free hatten ihn die Drogen fest im Griff. Nach Free gründete er, nach einer Solo LP, die Band Back Street Crawler. Die klang zwar immer seltsam blutleer, war als Spielwiese Kossoffs aber durchaus zu gebrauchen. Nach seinem Tod (irgendwo über den US-amerikanischen Wolken durch Herzversagen) erschien eine Doppel-LP, Koss, die sämtliche Stationen dieses unbeschreiblichen Gitarristen umriss und mich viele Jahre begleitete.

Ich bin überzeugt, dass Paul Kossoff, als er starb, seine besten Soli noch gar nicht gespielt hatte. Abgesehen davon, dass er, wie alle großen Gitarristen, einen ganz eigenen unverkennbaren Sound hatte, war er der Meister des Weglassens. Beinahe ein Miles Davis der Lead Gitarre. Man musste bei ihm also die Stille zwischen den Tönen "mit"-hören. Die war Teil des Ganzen. Es kam auch vor, das er einen Ton sekundenlang malträtierte (nicht die Gitarre, den Ton selbst) - und das war dann das ganze Solo! Und es war verblüffend; und es war grandios! Keiner konnte seiner Gitarre mit nur zwei, drei Tönen den Blues (oder auch den Soul) auf so unnachahmliche Weise entlocken.

Ein schönes Beispiel ist Come Together In The Morning. Das Solo im Mittelteil des Songs ist so herrlich minimalistisch, dass man sich unwillkürlich fragt, ob Kossoff über seiner Gitarre vielleicht eingeschlafen war und gerade so, in letzter Sekunde, hochschreckte, ohne wirklich zu wissen, wo er sich gerade befand, dass hier ein Album eingespielt wurde - und halb verschlafen spielte er einfach mal los, dachte, es würde schon irgendwie passen. Wer weiß - ist nur so ne amüsante Idee (ich wollte jetzt nicht das Bild bemühen, dass man ihn zu jeder Zeit in der Nacht aus dem Bett hätte holen können etc etc)... jedenfalls ist sein Gitarrenspiel derart voller Seele -- das konnte kein anderer so gut wie er, der Paul Kossoff! Der Mann war genial, ohne Frage und es ist sehr sehr schade, das er mit gerade mal 25 gestorben ist und nicht in dem Film It Might Get Loud mitmachen konnte. Da hätte er Jimmy Page, The Edge und Jack White mal so richtig das Fürchten lehren können! Auf seinem Grabstein steht übrigens "All Right Now".

Paul Kossoffs Diskografie ist schnell aufgezählt: er spielt auf allen Free-Alben mit und hat zwei eigene Alben unter dem Namen Back Street Crawler veröffentlicht. Es gibt das Doppelalbum Koss ebenso auf CD, wie eine von Island herausgegebene Kopplung namens Blue Soul.
Als Empfehlung neben Koss möchte ich aber das Album Kossoff, Kirke, Tetsu, Rabbit erwähnen, das in einer kurzen Phase, in der Free auf Eis lag, entstand, aber praktisch nichts anderes als Free 1972 minus Paul Rogers war - und noch immer großartig ist!

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